Eine Geschichte von vielen

„Ihr sollt wissen, daß kein Mensch illegal ist.
Das ist ein Widerspruch in sich. Menschen können schön sein oder noch schöner. Sie können gerecht sein oder ungerecht. Aber illegal? Wie kann ein Mensch illegal sein?“

-Elie Wiesel

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15. Oktober 2011, 11 Uhr, Amtsgericht/Schloßweide:
Mahnwache

19. November 2011, 12 Uhr, Bahnhof:
Demonstration in Gedenken an Milos Redzepovic

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Eine Geschichte von vielen

Was ist es, das einen Menschen so verzweifeln lässt, dass er sich schließlich umbringt? Wie kommt es, dass dies – gewiss kein Einzelfall – immer wieder vorkommen kann, ohne den öffentlichen Aufschrei nach sich zu ziehen, den es eigentlich verdient hätte?

Es ist kein Geheimnis, dass in Deutschland abgeschoben wird, doch genießt das Thema vielerorts in der Gesellschaft kaum die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Vielmehr scheint es als ganz natürlich hingenommen zu werden, vielleicht sogar als notwendig, vielleicht sogar als gerechtfertigt…?

Fest steht: die gegenwärtige Einstellung von Politik, Gesellschaft, Medien – von Stammtischparolen über pseudo-wissenschaftlich verfasste Schriften á la Sarrazin, die meinen, genetische Nachweise über den Intelligenzgrad verschiedener Kulturkreise zu haben, bis hin zum Gesetz – zur Selbstverständlichkeit, mit der Abschiebungen durchgeführt werden, ist fatal.

Die nun folgende Geschichte ist nur eines der vielen erschreckenden Beispiele für die bedrückende Realität der Abschiebepolitik. Sie ereignet sich am 15. November 2002 im Rathaus der Stadt Syke.

Es ist morgens, acht Uhr früh. Der 34-jährige Milos Redzepovic verlässt die Flüchtlingsunterkunft, das ehemalige Gasthaus „Deutsche Eiche“. Er will Zigaretten holen. Doch wird er die Tankstelle, an der er dies vorgibt, erledigen zu wollen, nie aufsuchen. Sein Weg führt ihn ins Syker Rathaus. Das ist nicht das erste Mal: seit langem schon versucht er, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, um finanziell unabhängig zu sein und mit seiner Frau Ljailje und seinen fünf Kindern in Würde leben zu können. Zudem ist die Flüchtlingsunterkunft mit „notdürftig“ wohl immer noch beschönigend umschrieben.

Doch diesmal schweigt Milos, sein diesmaliges Anliegen braucht keine Worte: Er übergießt sich vor dem Eingang mit Benzin und zündet sich im Rathaus an. Am 16. November verstirbt er in der Uniklinik in Hannover.

Die Wurzeln dieses tragischen Entschlusses reichen jedoch noch sehr viel weiter zurück. Die Geschichte der Familie beginnt in Serbien. Viele Menschen fliehen angesichts der sich seit Anfang der 80er Jahre immer weiter zuspitzenden Unruhen und der gerade für Roma zunehmend unsicheren Lebenssituation, darunter auch die Familie Redzepovic. 1995 kommt es im Kosovo zu den ersten größeren bewaffneten Auseinandersetzungen, die 1998 schließlich im Krieg münden.

Der älteste Sohn, Miroslav, ist bei der Flucht gerade einmal zwei Jahre alt. Sie hoffen auf Schutz, suchen Zuflucht in Deutschland und gelangen schließlich nach Syke, kommen unter in einem Flüchtlingslager am Stadtrand. Sie beantragen Asyl. Trotz der endgültigen Ablehnung dieses Antrages im Jahre 1993 bleibt die Familie mit dem Status einer Duldung in Deutschland. Sie schöpft neue Hoffnung: Ein Leben ohne Krieg, ohne Ausgrenzung und Diskriminierung. Miroslav und seine Geschwister besuchen den Kindergarten, anschließend die Schule. Ihre Kindheit, ihre Jugend – ihre Erlebnisse, Erinnerungen und Freunde wurzeln in Deutschland. Etwas anderes kennen sie gar nicht. Die Furcht, eventuell abgeschoben zu werden, ist verdrängt, auch wenn die Familie ihr nicht ewig entfliehen kann und womöglich ahnt, dass sie eines Tages ihre neue Heimat verlassen muss. Allerdings steht auch der Aufenthalt in Deutschland nicht unter den besten Vorzeichen. Zwar können die Kinder der Redzepovics das Bildungsangebot wahrnehmen, doch sind sie von einem eigenständigen Leben noch weit entfernt. Das Flüchtlingsheim, in dem die Familie unterkommt, ist alles andere als wohnlich. Ratten kommen durch Löcher ins Haus, Zimmerwände werden feucht, es ist kalt. Ljailje sorgt sich um die Gesundheit ihrer Kinder. Es werden nicht allein die Umstände sein, in denen sich die Familie Redzepovic befindet, sondern auch die immer stärker werdende Gewissheit, ihnen nicht entkommen zu können. Sie träumen davon, sich etwas aufzubauen. Doch die ganzen Jahre über, die sie seit 1993 den Status einer Duldung haben und im Grunde genommen jeden Tag abgeschoben werden können, sind sie nicht einmal in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Sie sind und bleiben der Willkür und „Barmherzigkeit“ der Behörden und des Staates ausgeliefert; denn trotz endloser Bitten bekam Milos nicht einmal die Erlaubnis, in Deutschland zu arbeiten. Er will für seine Familie sorgen – aber scheitert er letztlich nur an einem Stück Papier? Warum sollte die Familie abgeschoben werden? Waren die Kinder nicht „genug“ integriert, in Deutschland aufgewachsen und die Landes- als Muttersprache? Kann man jemanden, dem die Arbeit verweigert wird allen Ernstes vorwerfen, er lebe auf Staatskosten? Für wen gilt das Recht, ein Leben in Würde zu führen, wenn es einem Menschen unmöglich gemacht wird, es selbst in Würde zu bestreiten?

Im Kosovo sind die Roma unerwünscht, sie werden von den Albanern als Verräter denunziert, da man ihnen die Zusammenarbeit mit den Serben vorwirft. Selbst die Generation danach, die die ehemalige Heimat ihrer Eltern nie kannte, ist der unglückseligen Situation der Roma im Kosovo hilflos ausgesetzt.

„Die Anwältin der Familie kennt die Lage der Roma in Jugoslawien. ‚Von Jobs sind Roma ausgeschlossen, für die ansonsten kostenlose Gesundheitsversorgung müssen sie zahlen, sie fallen kaum unter den Schutz des Gesetzes, werden in [Zelt]lagern zusammengepfercht‘, sagt Anwältin Christina Bremme.“ (Michaela Gerner in: taz Bremen, 26. November 2002).

Im Jahr 2002 räumt Milos alle Schränke, Betten und Matratzen vor die Unterkunft. Innen ist es feucht und schimmelig. „Lieber draußen im Regen als in diesen Zimmern“ (aus Hinz&Kunzt 216/Februar 2011) – eine der letzten Verzweiflungstaten des Vaters von fünf Kindern, gerade einmal 34 Jahre alt. Es ist das Jahr, an dem die Familie zerbricht. Es ist das Jahr, in dem Milos zum letzten Mal sagen wird, er hole Zigaretten.

In einem Beitrag der taz wird die Einstellung des damaligen Bürgermeisters Harald Behrens, der dieses Amt auch heute noch inne hat, wie folgt wiedergegeben: „In einer Erklärung gab der Bürgermeister von Syke dem Vater die Schuld am Schicksal der Familie.“ (Christian Jakob in der taz, 08.12.10)

Es scheint kaum vorstellbar, wie viel anders sich das Leben, das mancherorts treffender mit Überleben umschrieben wäre, gestaltet. Abschiebungen werden nicht angekündigt, sie werden beschlossen und ohne weitere Rücksicht – nicht einmal auf Krankheiten – durchgeführt. In der Regel ist eine halbe Stunde Zeit, um die wichtigsten Dinge mit zu nehmen. Bereit steht ein gechartertes Flugzeug, ein inoffizieller Flug – um die Radikalität und den unmenschlichen Charakter dieser Abschiebepolitik möglichst gut verschleiern zu können.

Im Jahr 2004, zwei Jahre später, wird auch die Roma-Familie, die sich Anfang der 90er Jahre in Deutschland Schutz und ein einigermaßen friedliches Leben erhoffte, abgeschoben. Verschleppt. Nach Serbien. Ein Land, dass den Eltern fremd geworden ist und welches die Kinder gar nicht kennen, nie gekannt haben. Drei der Kinder besitzen nicht einmal die serbische Staatsangehörigkeit, sind dort nicht registriert. Sie kennen weder die Kultur, noch die Sprache, und erst recht nicht die Lebensumstände. Sie wissen nur, dass sie es als Roma dort sehr viel schwerer als in Deutschland haben werden.

Für Miroslav, der zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters gerade einmal 14 Jahre alt war, hat mit der Rückkehr nach Serbien der Albtraum erst begonnen. Es ist keine Übertreibung, denn Albträume hat er seitdem wirklich. Für die anderen Familienmitglieder ist es nicht einfacher, mit ihrem ungewissen Schicksal zurechtzukommen, nur war der Tod des Vaters erst der Auftakt der schrecklichen Erlebnisse, die Miroslav noch widerfahren sollten.

Aus Hinz&Kunzt 216/Februar 2011:
„[…]Miroslaw erschauert heute noch, wenn er von dem Tag seiner Abschiebung erzählt. „Ich habe die ganze Zeit nur geweint“, sagt er mit leiser Stimme. „Ich habe meine Tante angerufen und ins Telefon geschrien: ‚Tante, die schieben mich ab!‘“ Wenige Stunden später steht die Familie am Belgrader Flughafen. Miroslaw kennt Serbien nur aus Erzählungen. „Das war wie in einer ganz anderen Welt, wie auf einem anderen Planeten“, sagt er. „ Das war das Schlimmste, was ich erleben konnte nach dem Tod meines Vaters.“ Miroslaw spricht kaum Serbisch, bis heute. Seine Sprachen sind Deutsch und Romanes. […] Wie viele Roma […] findet keinen Job. Fast täglich wird er von irgendwem als „Zigeuner“ beschimpft.
Im Januar 2007 erlebt Miroslaw seinen schlimmsten Tag in Serbien. Auf dem Weg nach Hause gerät er in eine Polizeikontrolle. Weil er seinen Ausweis nicht bei sich hat, nehmen ihn die Polizisten mit auf die Wache. Einer von ihnen beginnt sofort, Miroslaw zu schlagen. „Das, was ich im Leben am meisten hasse, sind Albaner und Zigeuner“, brüllt er Miroslaw ins Gesicht. „Ihr verpestet unser Land!“ Erst Stunden später wird Miroslaw freigelassen, seine Großmutter rät ihm, die Polizisten anzuzeigen. Als er das tut, stehen sie wieder vor seiner Tür. „Sie meinten, ich hätte vergessen, etwas zu unterschreiben“, erzählt Miroslaw. Auf der Wache ziehen sie ihn aus und fesseln ihn im Keller an eine Heizung. Ein Polizist zerreißt vor seinen Augen die Anzeige und sagt: „Lebend kommst du hier nicht mehr raus.“ Mehrere Polizisten schlagen auf Miroslaw ein, drücken Zigarettenstummel auf seiner Brust aus und missbrauchen ihn mit einem Schlagstock. Bis heute verfolgen Miroslaw Alpträume. „Jedes Mal, wenn ich auf Toilette gehen muss, kommt alles wieder hoch“, sagt er.

Nur mit Glück überlebt Miroslaw die Folter: Ein junger Polizist lässt ihn aus Mitleid durch die Hintertür weglaufen. Miroslaw rennt zu seiner Großmutter, lässt sich von ihr etwas Geld geben und flieht zu einem Onkel nach Pozarevac, südöstlich von Belgrad. Über drei Jahre lang hält er sich dort versteckt, hilft seinem Onkel im Haushalt, verlässt selten sein Zimmer. Er weiß von seiner Großmutter, dass die Polizei ihn sucht. „Ich hatte jeden Tag Angst“, sagt er. „Mit der Angst einschlafen, mit der Angst wieder aufwachen. Mein Herz klopft noch heute wie verrückt, wenn ich eine Polizeisirene höre.“[…]“

Im Oktober 2010 flieht er zurück nach Deutschland. Es ist, „[…] ‚als würde ich nach Hause kommen‘, sagt Miroslav […]. (aus Hinz&Kunzt 216/Februar 2011).

Der Unterschlupf bei seiner Tante in Hamburg hält nicht lange vor. Es ist paradox: Nachdem sich der Tod seines Vaters zum achten Mal jährt, kommt Miroslav in eine Polizeikontrolle. Faktisch ist er ein Bürger Deutschlands. Die nächsten Tage verbringt er jedoch in der Hamburger Abschiebehaft wie ein Krimineller. Er kann nicht wieder zurück nach Serbien. Noch in der Zelle wird sein Antrag auf Asyl abgelehnt. Es ist Anfang Dezember und Miroslav zieht die scheinbar letzte Konsequenz: Er beschließt, sich umzubringen. Hätte ihn nicht zufällig ein Beamter gefunden, wäre Miroslav, der sich an seinen Schnürsenkeln aufhängte, nicht in der Lage gewesen, heute über seine schaurigen Erlebnisse zu berichten.

Diese Geschichte ist wahrlich eine tragische. Sie ist nicht die einzige – auch nicht in Syke. Es sind mindestens vier weitere Selbstmord/versuche allein in Syke bekannt. Doch zumindest eine Frage bleibt:

Ist vergessen wirklich so leicht?

Aus der Kreiszeitung, 01.01.10
„[…]Ihre Wünsche an die Stadt Syke hatten die 31 Teilnehmer der VHS-Integrationskurse auf Postkarten festgehalten. Zum Abschluss der Integrationswoche überreichte Rabia Schäfer Bürgermeister Dr. Behrens [der gleiche wie schon 2002, Anm. d. Verf.] einen Umschlag mit den gesammelten Wunschzetteln. […] Eine Kursteilnehmerin sprach den Bürgermeister direkt an: „Ich möchte gerne in Deutschland bleiben. Das ist mein größter Wunsch.“

Grundsätzlich sei Einwanderungspolitik eine Aufgabe der „großen Politik“ in Berlin, nahm Behrens zu diesen Wünschen Stellung. Auf lokaler Ebene gehe es um ein gutes Miteinander und den gegenseitigen Respekt. Diese Form des Miteinander [sic!] werde in Syke bereits gepflegt. Dabei erinnerte er an gemeinsame Aktionen vor dem Rathaus […].“

Sollte es nicht ein Gebot der Menschlichkeit sein, jenen Schutz zu bieten, die ihn so inständig erbitten?

Milos hat sich für seine Familie geopfert. Es war eine Tat der Verzweiflung, die es zumindest seiner Familie ersparen sollte, nach Serbien abgeschoben zu werden. Neben der Familie von Milos existieren über 10.000 weitere Roma, denen die Abschiebung in den Kosovo droht, etwa die Hälfte davon sind Kinder. Familien werden dabei mit einer Beharrlichkeit und einer Selbstverständlichkeit auseinander gerissen, die einen erschauern lässt.

Der Kosovo hat mit sich selbst bereits genug zu kämpfen: Die Arbeitslosenquoten sind enorm, doch ist ihnen die Armut in nichts nach gestellt (Bsp…) Die Roma gehören zu den Ärmsten unter den Ärmsten, ebenso wie Ashkali und Ägypter. Perspektiven gibt es keine, was auch am kosovarischen Bildunsgsystem deutlich wird: Es existiert jeweils nur eines für die Serben und seines für die Albaner, die Roma sind und bleiben ausgeschlossen. Sie sprechen weder albanisch noch serbisch und bleiben dabei, in ärmlichsten Verhältnissen lebend, unter sich. Kinder werden zum Teil von ihrer Familie getrennt, sind orientierungslos, müssen auf Schrottplätzen arbeiten, um sich kleine Beträge zu erwirtschaften, die ihnen das überleben ermöglichen sollen. Die deutsche Abschiebepolitik vermeidet es bewusst, diese Umstände zu sehen. Sie sieht Zahlen, die aus zahlreichen Flüchtlingen eine anonymisierte Masse macht; die Menschenrechte gelten ihr nur für „Legale“. Aber was heißt das? Bezeichnet man einen Menschen als illegal, entzieht man ihm das Recht auf die eigene Existenz. Es ist ein extremer Widerspruch zu dem, was in den ersten zehn Artikeln unseres Grundgesetzes steht. Sind Menschenrechte etwa ein Privileg?

Diese Einstellung ist unglaublich und darf von niemandem hingenommen werden, der auch nur einmal an Menschenrechte gedacht hat! Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich dort niederzulassen, wo ihm ein Leben in Würde zuteil wird. Letztendlich entscheidet nicht die Politik, nicht ein Einzelner. Es sind die Menschen selbst. Veränderung braucht Menschen. Und sie braucht Menschlichkeit.

Die Würde des Menschen IST unantastbar! Kein Wenn und Aber.

Deshalb fordern wir:
-bessere Lebensbedingungen für Asylbewerber_innen!
-Arbeitserlaubnis für Migrant_innen!
-Abschiebestopp!

Was jeder tun kann: Patenschaften übernehmen, Lebensmittel und Kleidung sammeln, demonstrieren, weitersagen!